Nur noch ein paar Minuten bis zum wichtigen Termin. Die Zeit drängt. Frisch geduscht, die Haare sitzen, die Unterlagen liegen bereit. Jetzt noch schnell in das beste Business-Outfit schlüpfen. Ein schneller Griff in den Schrank, die guten Sachen rasch übergestreift. Ein letzter prüfender Blick in den Spiegel. Doch was ist das? Ein Loch! Zwar klein, aber groß genug um aufzufallen. Und daneben gleich noch eins. Und noch eins. Während die vormals guten Sachen mit einem Schrei aus Unglaube, Wut und Verzweiflung in der Ecke landen, schwirrt unbemerkt jemand aus der noch offenstehenden Schranktür: eine Motte. Der Schrecken jedes Modeliebhabers und überhaupt jedes Kleidungsbesitzers. Doch nicht die lautlosen Flieger sind das eigentliche Problem. Ihre Nachkommen sind es. Und je nach Art futtern die sich nicht nur durch die Lieblingsklamotten, sondern auch noch durch so einiges anderes.
Darf ich vorstellen: die Motten
Was viele Menschen nicht wissen: die Motte als solche existiert in der Biologie nicht. Der Begriff fasst vielmehr verschiedene Familien der Kleinschmetterlinge zusammen, darunter Echte Motten (Tineidae) und Zünsler (Pyralidae). Anders als Schmetterlinge wie beispielsweise Pfauenaugen und Schwalbenschwänze sind Motten meist bei weitem nicht so auffallend farbenprächtig, sondern im direkten Vergleich eher unscheinbar. Sie verfügen meist über eine einheitlichere Färbung in Grau- oder Brauntönen. Auch stehen ihre Flügel im geschlossenen Zustand nicht nahezu senkrecht vom Körper ab, sie liegen direkt an. Obwohl Motten gute Flieger sind, bewegen sie sich überwiegend krabbelnd fort. Die Insekten verfügen über einen langgezogenen, schmalen Körper mit sechs Beinen, großen Facettenaugen und zwei Fühlern.
Motten legen Eier, von einigen Dutzend bis zu mehreren Hundert, aus denen nach zirka zwei Wochen helle, überaus hungrige Raupen schlüpfen. Die Tiere mancher Arten nehmen einzig und allein in diesem Stadium Nahrung auf und leben als ausgewachsene Exemplare nur für die Fortpflanzung. Dementsprechend kurz fällt unter diesen Umständen die Lebenserwartung der adulten Tiere aus: länger als 14 Tage halten sie nicht durch. Ausgewachsene Motten, die Nahrung aufnehmen, nutzen dafür einen Saugrüssel am Kopf. Feststoffe stehen nicht auf ihrem Speiseplan, dafür Flüssigkeiten wie Nektar und Pflanzensäfte. Je nach Art fressen die Nachkommen Pflanzenfasern, können aber auch Textilien und Polster sowie Lebensmittel befallen und dadurch großen Schaden anrichten.
Während ihres Wachstums häuten sich die Larven mehrere Male. Sind sie schließlich bereit für die Entwicklung zur Motte, verpuppen sie sich. Dafür befindet sich zwischen ihren Beinen eine spezielle Drüse, die feine Fäden produziert. Mit diesen spinnen sie einen Kokon, in dem sie innerhalb von höchstens vier Wochen zur ausgewachsenen Motte heranreifen.
Diese Arten können Ärger machen
In der Praxis sind es vor allem zwei Arten, die den Schädlingsbekämpfer auf den Plan rufen. Ihre Schadbilder sind dabei so charakteristisch, dass eine Verwechslung so gut wie ausgeschlossen ist.
Die deutschlandweit wohl bekannteste Motte ist die Kleidermotte (Tineola bisselliella). Sie zählt zu den Echten Motten und wird bis zu acht Millimeter groß. Ihr Aussehen ist vergleichsweise unscheinbar. Der schmale Körper wird auf der Oberseite fast vollständig von vier Flügeln bedeckt, deren glänzende Farbe zwischen Gelb, Beige und Braun liegen kann. Die hinteren Flügelpaare sind zu den Enden hin sichtbar ausgefranst. Wie für Insekten typisch verfügen sie über sechs Beine, hinzukommen zwei lange, dünne Fühler am Kopf.
Ihre Hochzeit haben die Tiere im Sommer, treten bei milden Temperaturen aber auch bereits ab März auf. Frei nach dem Motto „Essen wird überbewertet“ nehmen ausgewachsene Tiere keine Nahrung zu sich und widmen sich stattdessen vollständig der Fortpflanzung. Nach der Paarung legt das Weibchen durchschnittlich zwischen 100 und 200 weiße Eier ab. Es dauert zirka zwei Wochen bis daraus die ersten gelblich-weißen Raupen schlüpfen. Während ihre Eltern darben verlieren die Larven keine Zeit sich den Bauch vollzuschlagen. Während sie sich in freier Wildbahn vor allem von Tierhaaren und Federn ernähren, stehen in Häusern und Gebäuden viele Arten von Textilien auf ihrem Speiseplan. Kleidung, Pelze und Teppiche sind durch die Materialschädlinge genauso gefährdet wie Polster und natürliche Dämmstoffe. Ist die Zeit gekommen, verpuppt sich die Raupe und entschlüpft ihrem Kokon einige Wochen später als ausgewachsene Motte. Unter idealen Voraussetzungen wird aus dem Ei innerhalb von knapp zwei Monaten ein adultes Tier. Allerdings kann sich diese Entwicklung unter schlechten Umständen auf bis zu eineinhalb Jahre ausdehnen.
Als zweiter Schädling tritt immer wieder die Dörrobstmotte (Plodia interpunctella) in Erscheinung. Das Familienmitglied der Zünsler schafft es auf eine Größe von bis zu neun Millimetern. Auch ihr Körper wird auf der Oberseite nahezu vollständig von Flügeln bedeckt. Die Vorderflügel stechen durch eine dreifarbige Musterung hervor. An den oberen und unteren Enden jeweils rostbraun, zieht sich ein hellerer Bereich, meist grau bis beige, quer über die Flügel. Hinzu kommt ein
angrenzender schwarzer Streifen sowie dunkle Sprenkel in allen Bereichen. Sechs Beine und zwei lange, schmale Fühler komplettieren das äußere Erscheinungsbild.
Erwachsene Dörrobstmotten verzichten ebenfalls auf Nahrung und konzentrieren sich vollständig auf die Paarung. Anschließend legen die Weibchen bis zu 300 Eier ab. Es dauert noch nicht einmal eine Woche bis die Larven anfangen zu schlüpfen. Ihr Erscheinungsbild variiert stark, je nachdem was die Tiere anschließend zu sich nehmen. Der Kopf ist braun, die Farbe des Körpers kann weiß oder gelb erscheinen, genauso wie rot oder grün. Wie der Name der Motte verrät, haben die Raupen eine Vorliebe für Dörrobst, aber auch frische Früchte können befallen werden. Außerdem sind sie bei Getreide, Schokolade, Nüssen, Kakao-, Tee- und Kaffeepulver nicht wählerisch. Die angefressenen und verschmutzten Lebensmittel eignen sich danach zwar nur noch für den Müll, gefährliche Krankheiten überträgt jedoch keines der Tiere.
Bis sich die Raupen verpuppen und zum adulten Tier entwickeln, vergeht unter guten Voraussetzungen mit Temperaturen von zirka 30° Celsius knapp ein Monat. Je niedriger die Temperatur und je karger das Nahrungsangebot, desto länger dauert die Transformation, die sich dadurch um mehrere Wochen und Monate hinauszögern kann.
So macht sich ein Befall bemerkbar
Häufiger als die Tiere selbst, fallen die Schäden auf, die sie anrichten. Die Larven der Kleidermotte fressen in Textilien runde, unregelmäßige Löcher. Stücke mit Wollanteil, Angora oder Mohair sind besonders gefährdet, da die Insekten eine Vorliebe für Tierhaare haben. Auch Pelze sind nicht sicher und weisen mit der Zeit kahle Stellen auf. Ansonsten sind Kokons und Hülsen, in denen die Raupen lebten, ein typisches Befallsanzeichen und werden häufig zwischen den Kleidungsstücken gefunden.
Die Dörrobstmotten erzeugen feine Fraßspuren an Lebensmitteln und Verpackungen. Sie lassen Pulver außerdem schnell klumpen und weben feine Gespinste, die an ihren Wirkungsorten zu finden sind.
Häufig finden beide Arten nicht selbst den Weg in Wohnungen und Betriebe, sondern werden eingeschleppt. Die Larven der Dörrobstmotte verstecken sich unbemerkt in Einkäufen und Lieferungen, hocken dort in Verpackungen und Kartons. Kleidermotten sind nicht selten ein ungewolltes Mitbringsel von Flohmärkten und aus Second-Hand-Läden. Oft verbergen sie sich auch in Fundstücken aus alten Kellern und von Dachböden.
Die Bekämpfung: Der Schädlingsbekämpfer hilft, wenn Hausmittel versagen
Ob Privathaushalt oder Gewerbe, zunächst ist es wichtig, den Ausgangspunkt des Problems zu ermitteln. Dazu müssen Betroffene feststellen, welche Areale genau befallen sind. Dörrobstmotten sind am einfachsten grob zu lokalisieren. Ihr Lebensraum beschränkt sich zumeist auf Bereiche, in denen Lebensmittel vorkommen: Küchen, Vorratskammern und Lagerräume. Dort tummeln sich die Larven nicht selten in angebrochenen Verpackungen, offen stehenden Zutaten und vergessenen Abfällen.
Larven der Kleidermotten zu finden, wenn ein Befall bislang nur durch umher schwirrende adulte Tiere auffiel, gestaltet sich dagegen schwieriger. Neben Kleiderschränken, -kommoden und - truhen können ihre Raupen auch in Teppichen und dicken Vorhängen sitzen, sie fressen sich durch das Dämmmaterial mancher Wände, durch Dekorationsstoffe oder Bezüge. In Unternehmen, die Textilien herstellen, lagern und/oder mit ihnen handeln, können die Insekten auch in die Lager vorgedrungen sein und große Schäden anrichten.
Privatleute können anschließend versuchen, sich mittels Pheromonfallen bei kleinen Populationen selbst zu helfen. Die handlichen Vorrichtungen sind mit Sexuallockstoffen der Tiere präpariert und locken dadurch Männchen auf die integrierten Klebestreifen. Die Weibchen gehen bei dieser Bekämpfungsmethode zwar selten in die Falle, können sich aber mangels Partner nicht fortpflanzen. Sie sterben anschließend auf natürliche Weise spätestens innerhalb von 14 Tagen ab – ohne Eier gelegt zu haben. Gefundene Larven sollten sofort entfernt und befallene Kleidungstücke entsorgt werden. Ansonsten kann es helfen gelagerte Textilien regelmäßig auszulüften und zu kontrollieren. Verunreinigte Lebensmittel gehören direkt in den Abfall und sind nicht mehr zum Verzehr geeignet. Die Lagerung in fest verschlossenen Gefäßen hält Dörrobstmotten von Nahrungsmitteln fern.
Auch klassische Mottenkugeln, Lavendelsäckchen und verschiedene Hölzer können, zwischen Textilien platziert, dazu beitragen, Kleidermotten fern zu halten. Einen hundertprozentigen Schutz bieten sie jedoch nicht.
Unternehmen sollten sich dagegen direkt an einen professionellen Schädlingsbekämpfer wenden, um größeres Unheil zu vermeiden. Für Behandlungen im großen Stil sind Pheromonfallen allein nicht ausreichend. Häufig kommen Gase und Sprühmittel zum Einsatz, um die Tiere in allen Entwicklungsstadien abzutöten.
Es gibt aber auch die Möglichkeit, Kleidermotten auf biologischem Weg zu beseitigen. Dazu setzt der Fachmann eine bestimmte Art der Schlupfwespe (Trichogramma evanescens) in den betroffenen Räumen aus. Die noch nicht einmal einen halben Zentimeter großen Tiere gelten als Nützlinge und richten keine Schäden an – zumindest nicht für den Menschen. Einzig und allein die Motten leiden unter ihren neuen Mitbewohnern. Die Schlupfwespen legen ihre eigenen Eier in die der Schädlinge hinein. Während eine neue Generation an Nützlingen heran wächst, überlebt der Mottennachwuchs nicht. Ist der Befall erfolgreich bekämpft, verschwindet schließlich auch der natürliche Helfer von selbst. Ohne Motten können sich die Schlupfwespen nicht fortpflanzen.
Um wirklich alle Schädlinge auf diese Weise zu beseitigen sind oft mehrere Einsätze von Experten und Schlupfwespen nötig. Der Fachmann bringt im Abstand von einigen Wochen jeweils einzelne Karten mit mehreren tausend Schlupfwespen-Eiern aus. Häufig empfiehlt sich auch eine kombinierte Behandlung mit zusätzlichen Pheromonfallen.
Beispiele und Präventions-Tipps aus und für den Alltag
Es ist natürlich immer gut, auf die eigenen Fähigkeiten zu vertrauen. Etwa alles sauber und ordentlich zu halten. Doch im Fall von Motten ist eine regelmäßige Kontrolle immer die bessere Wahl. Vor allem eingelagerte Textilien sind gefährdet. In ihnen werden die Larven der Kleidermotte nicht gestört und sie können sich problemlos ausbreiten und entwickeln. Deshalb hilft es, die Teile regelmäßig an die frische Luft zu holen, sie auszuschütteln und auf einen Befall hin zu untersuchen. Geliebte und wertvolle Stücke entgehen den Insekten in jedem Fall, wenn sie vakuumiert werden. Entsprechende Kleidersäcke und -beutel gibt es im Handel für wenig Geld, die meisten lassen sich mit handelsüblichen Staubsaugern betreiben. Kleidung, Pelze und Decken werden in den Säcken nicht nur mottensicher, sondern auch platzsparend gelagert.
Da sich die Larven der Kleidermotten unter anderem auch von Haaren ernähren ist es wichtig, keine getragenen Textilien lange herumliegen zu lassen. Ein ordentlicher Waschgang sorgt dafür, dass die Stücke für die Insekten nicht doppelt attraktiv werden. Das gleiche gilt übrigens beispielsweise auch für Decken und Kissen, auf denen sich Haustiere niederlassen.
Eine gute Hygiene ist überhaupt eines der besten Präventionsmittel. Regelmäßiges Putzen und Staubsaugen nehmen den Insekten einen Teil ihrer Lebensgrundlage. Vergessen Sie dabei auch nicht die Innen- und Unterseiten von Schränken sowie Fußbodenritzen und Randleisten. Gegen Dörrobstmotten ist mit einer luftdichten Lagerung von Lebensmitteln schon viel getan.
Vor allem Unternehmen sollten nach den Tieren Ausschau halten. Sonst kann es schnell teuer werden. Wie im spektakulären Fall eines Teppichhändlers aus Nürnberg, in dessen Lager sich Kleidermotten eingenistet hatten. Dieses befand sich allerdings nicht in irgendeinem dunklen Hinterzimmer, sondern in einer Lagerhalle. Und statt billiger Teppichvorleger stapelten sich dort knapp 3.000 feinste orientalische Teppiche, darunter Stücke aus dem 18. Jahrhundert – einige zwischen 80.000 und 100.000 Euro wert. Um die wertvolle Handwerkskunst nicht weiter zu beschädigen entschieden sich mein Team und ich für eine schonende Behandlung im Sprühverfahren. Das bedeutete jedoch auch: echte Knochenarbeit. Drei Tage lang waren drei Mitarbeiter nur damit beschäftigt, die Teppiche einzeln auszubreiten, von beiden Seiten mit Wirkstoffen zu besprühen und anschließend wieder einzurollen. Rund 3.000 Stück, manche davon zwölf Quadratmeter groß. Auf diese Weise konnte das Mittel jedoch bestmöglich einwirken und alle Tiere abtöten. Die Teppiche selbst zog der verwendete Stoff nicht in Mitleidenschaft, zudem baute er sich innerhalb kurzer Zeit von selbst wieder ab. Die Mühe lohnte sich, der Betrieb und vor allem die Teppiche waren anschließend wieder mottenfrei.






